Julius Evola Daily

EN
← Tag 17 Tag 19 →

Tag 18 — Auflösung der Formen

"Sein und Beständigkeit gelten unseren Zeitgenossen als dem Tod verwandt; sie können nicht leben, ohne zu handeln, sich zu erregen oder sich mit diesem oder jenem abzulenken. Ihr Geist, sofern man in ihrem Fall noch von einem Geist sprechen kann, nährt sich nur von Sensationen und vom Dynamismus und wird so zum Träger der Inkarnation dunklerer Kräfte." — Julius Evola, Revolte gegen die moderne Welt

Form ist das Prinzip, das dem Leben Gestalt, Grenze und dauerhafte Struktur gibt. In der traditionalen Welt galt Form als Ausdruck einer höheren Ordnung. Institutionen, Kasten, Riten und Lebensstile waren keine willkürlichen Arrangements. Sie waren Versuche, die unsichtbare Hierarchie sichtbar und haltbar zu machen.

Der moderne Vorgang ist eine fortgesetzte Auflösung. Stabile Formen gelten als Hindernisse für Freiheit, Bewegung und Wachstum. Was bleibt, ist ein Feld flüssiger Möglichkeiten, vorübergehender Rollen und Identitäten, die nach Belieben umgeschrieben werden können. Der Dynamismus selbst wird zum höchsten Wert. Stille, Dauer und klare Umrißlinie werden als todesähnlich empfunden.

Ein junger Mann, der innerhalb dieses Vorgangs geformt wird, kennt oft eine chronische Unruhe, die er für Vitalität hält. Er geht von Reiz zu Reiz, weil nichts hält. Die Fähigkeit, lange genug in einer Form zu bleiben, damit sie ihn prägt, ist geschwächt. Das Ergebnis ist ein Leben, das an der Oberfläche tätig und im Kern formlos ist.

Die Diagnose verlangt keine Nostalgie für jede vergangene Institution. Sie verlangt zu sehen, daß die planmäßige Zerstörung der Form nicht neutral ist. Sie erzeugt einen bestimmten Menschentypus: einen, der leicht bewegt, leicht umgebaut und zunehmend unfähig zu jener inneren Beständigkeit wird, die das höhere Leben fordert. Gegen diesen Strom beginnt die Wiedergewinnung der Form mit kleinen, bewußten Akten der Begrenzung und der Treue.

← Tag 17 Tag 19 →