Die moderne Kultur preist das Individuum und erzeugt zugleich den Massenmenschen. Der Widerspruch ist nur oberflächlich. Was als Individualismus gefeiert wird, ist gewöhnlich das Recht eines jeden, private Begierden ohne höheres Maß zu verfolgen. Diese Freiheit, einmal als höchstes Gut gesetzt, nivelliert das Feld. Unterschiede von Rang und Typus werden verdächtig. Das Ergebnis ist eine Menge atomisierter Einheiten, die dieselben Grundappetiten und denselben horizontalen Horizont teilen.
Die traditionale Freiheit war von anderer Ordnung. Sie war die Freiheit des höheren Typus, sich gemäß seiner Natur innerhalb einer Struktur zu entfalten, die qualitative Differenz anerkannte. Die Hierarchie machte wirkliche Individualität möglich, weil sie den Raum schützte, in dem der Überlegene werden konnte, was er war. Ohne diesen Schutz verliert das Wort Individuum seine Kraft und wird zur Losung für das Austauschbare.
Man wird dir sagen, die Hierarchie sei der Feind des Individuums. Prüfe die Behauptung am Befund des Zeitalters. Die Gesellschaften, die den absoluten Wert des Individuums am lautesten verkünden, haben die gründlichste Standardisierung von Geschmack, Rede und Innenleben hervorgebracht. Wer mehr werden will als eine statistische Einheit, muß zuerst sehen, daß die gegenwärtige Fassung des Individualismus ein Lösungsmittel ist. Sie ist keine Stütze.
Der differenzierte Mensch sucht weder die Auflösung in der Masse noch die theatralische Trennung von ihr. Er hält eine innere Distanz und handelt dort, wo Handeln gefordert ist. Diese Distanz ist der Beginn einer Freiheit, die das Zeitalter nicht mehr versteht.